Nach russischem Durchbruch: Ukraine-Soldat macht Brigade-Führung schwere Vorwürfe

Russische Truppen machen in der Ukraine aktuell Boden gut.

Das Standing der 115. Mechanisierten Brigade der Ukraine ist aktuell nicht besonders gut – zumindest nicht aus Sicht von Soldat:innen anderer Brigaden oder Aktivist:innen.Seit der russischen Einnahme der Ortschaft Otscheretyne machen die auf Social Media nämlich ihrem Ärger Luft. Und beschuldigen dort vor allem die 115. Brigade, versagt zu haben.

Der Vorwurf: Die 115. Brigade hat ihren Einsatz verpatzt und nicht wie geplant die Position der Elite-Einheit, die 47. Brigade, eingenommen.Der Kompaniechef der Elite-Einheit erklärte gegenüber "Forbes" sogar, Soldat:innen der 115. Brigade hätten sich "einfach verpisst".

Wie die "Bild" berichtet, haben sich nun aber auch zwei Soldat:innen der beschuldigten Brigade zu Wort gemeldet. Demnach habe ein Mitglied, das laut X-Profil Infanterist der 115. Brigade ist, auf der Plattform erklärt: "Ja, leider, ist das meine Brigade, ich wollte es aus Respekt vor den Jungs nicht sagen."

Soldat macht Brigade-Führung verantwortlich

Die Kompanie, schreibt der Account, wurde buchstäblich zerstört. Dabei hätte die Einheit nur die Aufgaben erfüllt, die ihr gegeben worden seien. "Wir haben ohne Unterstützung und mit einem dummen Kommando gestürmt, uns mit fast keiner Unterstützung und demselben dummen Kommando verteidigt", schreibt er weiter.

"Disziplin als Norm ist nicht vorhanden, es gibt kein Rückgrat der Brigade", wettert der vermeintliche Soldat weiter. Das X-Profil des Mannes existiert seit März 2024. Seither hat er zahlreiche Tweets über den Krieg abgesetzt, aber auch eine Vielzahl an sexistischen Witzen. Die Angaben des möglichen Soldaten lassen sich nicht unabhängig überprüfen.

Auf dem Account heißt es weiter: "Während zwei Monaten in der Brigade habe ich den Brigadier und den Kommandanten genau 0 Mal gesehen. Genauso oft habe ich den Respekt des Kompaniekommandanten und seiner Stellvertreter vor dem Personal gesehen." Er verlinkt in seinem Tweet einen Post der X-Userin danadeim.

Auch sie macht der Brigade-Führung ihres angeblichen Schwiegersohns, wie sie schreibt, schwere Vorwürfe. "Diese Führung ist totaler Abschaum", schreibt sie laut "Bild". Sie hoffe darauf, dass mehr Mitglieder der Brigade an die Öffentlichkeit treten.

Im Osten der Ukraine dringen die russischen Truppen weiter vor.

Analysten gehen von Rotationsfehler aus

Dass die Führung der 115. Brigade die volle Verantwortung für das Scheitern der ukrainischen Streitkräfte in der Region rund um die im Winter gefallene Stadt Awdijiwka übernehmen müsse, findet auch das ukrainische Nachrichtenportal "ONews Ukraine".

Auch die ukrainische Analysegruppe Deep State, mit Verbindungen zum Verteidigungsministerium, geht laut "Financial Times" davon aus, dass der russische Vorstoß durch eine verpfuschte Truppenrotation – nämlich die der 115. Brigade – möglich wurde.

Sprecher der Brigade weisen die Vorwürfe gegenüber der Zeitung allerdings zurück. "Ich kann nur sagen, dass das nicht stimmt, die Einheit hat ihre Position nicht aufgegeben", zitiert die Zeitung Vadym Chornyy. "Rotationen können zu Problemen führen, das haben wir schon einmal erlebt", zitiert die "Financial Times" zudem Emil Kastehelmi, ein Analyst, der den Krieg für die in Finnland ansässige Black Bird Group beobachtet. Weiter erklärt er:

"Wir wissen nicht genau, was in diesem Fall passiert ist, aber was auch immer für ein Fehler es war, die Russen konnten ihn ausnutzen, und die Ukraine hat ohne nennenswerten Kampf an Boden verloren."

Und Russland kann die gute Position wohl weiterhin ausbauen. Laut "Bild" sollen russische Truppen mittlerweile auch die nahegelegenen Dörfer Nowobachmutiwka und Solowjowe unter Kontrolle genommen haben. Wie genau dieser Coup gelingen konnte, und welche Mechanismen auf ukrainischer Seite versagt haben, lässt sich zum aktuellen Zeitpunkt nicht unabhängig überprüfen und wird zu klären sein.